Ich weiß nicht, ob in dem aus Chicago stammenden Bassisten Tim Dahl und seinem
in Brockton, Massachusetts, geborenen Drummer-Buddy Sean Noonan die Jazz- oder
andere Roots überwiegen. Die beiden sind jedenfalls mit Leib & Seele Dirty
Jazzer. Vervollständigt mit Saxophonist Paul Meurens, bilden Dahl & Noonan in
Brooklyn seit 1998 die unspektakulär getauften THE HUB. Andererseits heißt hub
soviel wie Dreh- und Angelpunkt. Und Noonan, dem man nicht anmerkt, dass er bei
einem Verkehrsunfall auf der 2003er Tour beide Beine gebrochen hatte, besteigt
die Bühne im goldenen Mantel eines Boxchampions. So auch am 4. November 2006 im
Würzburger IMMERHIN, in Fortsetzung der Jazzcore-Reihe des nulldrei. Und jetzt
bin ich da, wo ich hin will, wo ich immer schon hin wollte - bei DER BESTEN
LIVEMUSIK ALLER ZEITEN (wie sie im TV immer blöken).
The Hub machen TOTALE MUSIK. Noonan, ein nicht gerade durchtrainierter
Wuschelkopf, entpuppt sich als ultradynamischer und hyperkomplexer Trommelteufel.
Wie elektrifiziert zappt er in Sekundenbruchteilen von Go auf Stop, von laut auf
zart, von Beat auf Noise, mit Stock, Besen, Schlegel, barfuß, eine einzige
Schleuder für Schweißtropfen und krummtaktige Exaktheit und Power. Dahl, der
immer mal wieder Partituren umschlägt, bekrabbelt dazu seinen E-Bass mit Fingern,
schneller als das Auge. Dazu triggert er mit Fußpedalen Fuzz- und
Overdriveeffekte, spielt Slide, geradezu akrobatische Arpeggios. Aber eben nicht
als bloße Virtuosenwichsgriffelei, sondern mit der gleichen Eat-Shit-
Angriffslust wie Noonan sein Schlagzeug traktiert. Noten werden mit ganz flinkem
Hackebeilchen in Sechzehntel und kleiner geschnetzelt, Taktwechsel übers Knie
gebrochen. Um im Handumdrehen eine Jazzmelodie aus dem Ärmel zu schütteln oder
einen Headbangergroove zu zupfen und zu klopfen. Um mit allen Vieren abzuspringen
und rohe Eier aus der Luft zu pflücken. Das nämlich macht The Hub erst so
unglaublich spannend und lustvoll, dass neben konvulsischen Mathjazzzuckungen
immer wieder auch die Aufmerksamkeit darauf fokussiert wird, Stecknadeln fallen
zu hören und das unkalkulierbare Timing ihrer Kapriolen zu erahnen. Was für ein
Thrill. Meurens Alto jedoch, sein Gesang, seine ebenfalls mit Loop- und
Splattereffekten angereicherten Wechsel zwischen Diskant und Rubato, macht diese
Musik erst so richtig schön. Und zwischen all dem heißen Shit lässt er auch noch
einen Archie-Shepp-Blues wie blaue Tinte aus seinem Horn fließen.
Musik, so furios, so funky und dennoch wahr, ließ die Freaks, die sich ins
IMMERHIN hatten locken lassen, jegliche Contenance verlieren. Ungläubiges
Staunen schlug in Euphorie um. Ich sah Menschen headbangen, die das für den Rest
ihres Lebens bestreiten werden. ROCK'N'ROLL-Rufe überschlugen sich. Selten wurde
ein zweiter Set so heiß erwartet - und bis auf die letzte der noch einmal 50
Minuten ausgekostet. Mit leuchtenden Augen, wie man es sonst nur bei
Wiedergetauften kennt.
Rigobert Dittmann
[gekürzte Fassung, das Original gibts im Fanzine BAD ALCHEMY,
http://www.badalchemy.de]/
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